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Pfarrbrief - Gottesdienstordnung Juni 2018

Pfarrbrieftitel 06-18

Pfarrbrief- Gottesdienstordnung Juni 2018

 

Liebe Pfarrangehörige,

in der Küche in meinem Elternhaus, dort, wo das Leben, der Alltag sich abspielte, über dem Esstisch, an dem die Zeitung gelesen und die Hausaufgaben gemacht wurde, hing ein Kruzifix in der Nordostecke des Raumes. Künstlerisch nicht besonders wertvoll, aber recht deutlich sichtbar. Links und rechts davon waren noch zwei Reliefbildnisse der Gottesmutter und (nocheinmal) von Jesus. Eine kleine Blumenvase, in der je nach Jahreszeit das eine oder andere Grüngewächs gegossen wurde. Später, als der Vater gestorben war, hing auch sein Sterbebild dort. Als die Mutter älter wurde, ersetzten Plastikblümchen die echten, weil sie mit dem Gießen nicht mehr so richtig nachkam.

Dieses Kreuz war eine Selbstverständlichkeit, mit der die Familie aufwuchs. Und es war keine Ausnahme, denn in vielen christlichen Familien gibt es ganz selbstverständlich einen Herrgottswinkel. Der gekreuzigte Sohn Gottes ist im Alltag der Familie präsent. Er sammelt die Blicke, wenn dort in der Küche oder im Wohnzimmer gebetet wird. Manchmal feierlich und bewusst, manchmal kurz und stumm, aber wohl nicht minder inbrünstig. Eher mehr.

Vielleicht ist es für die eine oder andere Familie nur ein Schmuckstück, eine traditionelle Dekoration. Für teures Geld beim Herrgottsschnitzer gekauft, vielleicht aus Oberammergau oder Südtirol, gelegentlich abgestaubt aber selten bis nie Sammelpunkt von Gebeten. So, wie manche Krippe, die im Advent aufgebaut wird. Für meine Familie und für viele andere aber ist es der Punkt in der Wohnung gewesen, wo sozusagen ein bisschen die Pfarrkirche ins Haus geholt wurde. Tröstendes, helfendes, manchmal auch mahnendes Zeichen, dass es da einen gibt, der über mir steht. Über all dem und all denen steht, die in dieser Welt auch früher schon sich wichtig gemacht haben.

Nicht mit erhoben Zeigefinger, sondern gekreuzigt. Umgebracht. Gefoltert und zerschlagen hing Jesus am Kreuz im Herrgottswinkel der Wohnküche. Er ist am Kreuz gestorben, der Jesus. Nicht, weil er Pech hatte, sondern um zu erlösen. Einen archaischen Opfertod ist er gestorben. Nicht für einige wenige Auserwählte, Besondere, "Bessere", sondern für die gesamte Menschheit. Für jeden, der dieses schwer begreifbare Geschehen gläubig aufnimmt. Der den gekreuzigten Jesus als den akzeptiert, annimmt, der über ihm steht. Über seinem Denken und Reden und Handeln.

Und ja, natürlich ist solch ein Kruzifix im Wohnzimmer auch Mahnung, dass ich in dem, was ich denke, rede und tue, mich an dem ausrichte, der da an diesem Kreuz hängt. Weil der auch für mich damals daran gestorben ist.

In Japan war es vor einigen Jahren - warum auch immer - Mode, dass sich Jugendliche einen Rosenkranz umhängten. Sie waren keine Christen, sondern - wie in Japan üblich - Buddhisten, Schintoisten. Jesus, der am Kreuz gestorben war, bedeutete ihnen nichts. Es war ganz einfach cool, mit so einer Perlenschnur mit dem kleinen Kreuzchen daran herumzulaufen. So, wie an mancherlei Menschen ein Kettchen mit Kreuzchen baumelt, ohne, dass es ihnen mehr bedeutet, als ein Tierkreiszeichen oder ein altägyptisches Anch, das auch so ähnlich wie ein Kreuz aussieht und fast nur von Esoterikern getragen wird.

In den bayrischen Behörden muss nun auch ein Kreuz aufgehängt werden. Und natürlich freue ich mich als Christ, als Pfarrer sehr darüber. Doch als jemand, der ab und zu auch mal nachdenkt, frage ich mich natürlich, warum solch ein Kreuzerlass kommt.

Ist denn der bayrische Staat ein christlicher geworden? Werden jetzt Gottes Gebote zur Grundlage der bayrischen Gesetze gemacht? Werden jetzt die Angestellten und Sachbearbeiter in bayerns Behörden nach christlichen Grundsätzen ihre Entscheidungen treffen? Werden jetzt die Gesetze, welche die Regierungspartei in München beschließt, danach abgeklopft, was der dazu sagen würde, der da an diesem Kreuz gestorben ist? Kommen Ihnen diese Fragen lächerlich vor? Wohl auch den meisten Politikern der Regierungspartei. Denn die Kreuze sollen ja nicht in den Behörden hängen, weil es um Ihren christlichen Glauben geht, liebe Pfarrangehörige. Ausdrücklich nicht. Das Kreuz sei "nicht ein Zeichen der Religion", sondern ein "Bekenntnis zur Identität" und zur "kulturellen Prägung" Bayerns.

Aha.

Was würde wohl Jesus zu dieser Aussage sagen?

Welchen Wert hat es also, dass nun das Kreuz Jesu Christi in Behörden hängen muss?

Zweifellos ist es so, dass es heute nicht mehr so ist, wie vor 50 Jahren. Als damals, in der guten alten Zeit, in der angeblich alles besser war, noch 80 Prozent der Christen den Gottesdienst besuchten und nicht, wie heute 80 Prozent derer, die sich zur rechten Zeit Christen nennen, zuhause bleiben. Zweifellos ist es auch in Niederbayern heute nicht mehr so, dass ganz selbstverständlich alle katholisch waren und jeder das gleiche gedacht und getan hat. Zweifellos ist es nicht mehr so, dass Kinder heute von ihrem bayrischen Dialekt her den verschiedenen Landkreisen zugeordnet werden können. Und in den Siedlungen und Straßen der Ortschaften stehen Häuser, die auch ganz anders aussehen - nur manchmal schöner - als das, was in der Zeit König Ludwigs gebaut wurde. Und vor 50 Jahren kannte man Menschen, die dunkle Hautfarbe hatten höchstens aus Tarzan-Filmen, nicht aus dem Spaziergang über den Stadtplatz. Frauen trugen zwar ganz selbstverständlich Kopftücher, damals. Aber das war ja was anderes. Und man konnte vor 50 Jahren in der Wirtschaft noch herrlich über die Atheisten und andere seltsamen Zeitgenossen schimpfen. Die Kinderwägen wurden damals auch noch ausschließlich von den Müttern geschoben. Und im Fernseher gab es auch nur drei Programme. Und christliche Politiker haben auch noch ab und zu ihre Kirche gefragt, bevor sie Entscheidungen getroffen haben.

Ja, die Welt ist unendlich bunter geworden in den letzten Jahrzehnten. Man muss nicht besonders alt sein, um diese Veränderung miterlebt zu haben. Sie ist komplizierter geworden. Viel weniger ist selbstverständlich. Es gibt viel, viel mehr Dinge, Prozesse, Vorgänge, zu denen man eine Meinung haben sollte und es ist viel seltener, dass man mit seiner Meinung bei der Mehrheit ist. Und Mehrheiten sind auch viel kleiner geworden. War man früher in fast allem ganz automatisch beim großen Haufen dabei (ob es gut war, oder nicht…), fühlt man sich heute viel öfter als Minderheit. Wird heute viel, viel mehr hinterfragt. Viel weniger geglaubt. Höchstens Böses wird noch genauso leicht geglaubt, wie früher. An Gott wird auch viel weniger geglaubt, als früher. Auch, wenn heute jeder sagt, "ich habe meinen Glauben". Klar - meinen! Auch die Probleme, die man heutzutage hat, sind wesentlich vielschichtiger, als vor 50 Jahren. Gleich geblieben ist höchstens, dass an diesen Problemen immer die anderen schuld sind. Wer immer diese anderen sind.

Wenn es unsicher wird, wenn man nicht mehr so genau weiß, was richtig ist und was falsch, in welche Richtung man gehen soll, dann sind Symbole immer ein gutes Mittel, um zu sammeln. Darum hatten Armeen früherer Zeiten auch immer ihre Fahnenträger. Darum haben Firmen und Organisationen ihre Logos, darum gibt es Schlagwörter und Abkürzungen. Darum haben Parteien ihre kurzen Sprüche, die scheinbar alles erklären.

Symbole in Bild und Wort befreien einen von der Notwendigkeit, selber zu denken. Darum könnte ich auch in China ganz schnell eine Toilette finden. Darum sind sie für Mächtige so praktisch.

Und in all dieser Unsicherheit, welche diese Zeit mit ihrer Buntheit und Kompliziertheit bei vielen erzeugt, in all dieser Zerstreuung und Verwirrung, liegt es nahe, ein Symbol zu missbrauchen, damit sich möglichst viele bei denen sammeln, welche einfach nur ihre eigenen Felle ins Trockene bringen wollen.

Die Welt ist unchristlicher geworden, ja. Doch wird sie christlicher, in dem ich überall Kreuze hinhänge?

Die Welt würde christlicher werden, wenn ich, wenn Sie christlicher werden. Ja, es ist gut, wenn in Bayerns Behörden Kreuze hängen. Aber nur, wenn dann in diesen Behörden auch Entscheidungen getroffen werden, die mit dem, der an diesem Kreuz gestorben ist, in Einklang sind. Wenn Gesetze gemacht werden, die Jesu Christi würdig sind, der an diesem Kreuz hing. Wenn Politiker und Wähler, die Kreuze aufhängen und sich darüber freuen, dann auch zu Jesus Christus kommen, der auch für sie am Kreuz gestorben ist.

In den Kirchenbänken und vor allem in den Beichtstühlen ist viel Platz. Für ganz einfache christliche Wähler genauso, wie für christliche Politiker und die, die sich dafür halten.

Ihr Pfarrer

 

Hinweis zur anhängenden Gottesdienstordnung:

 

Durch die neuen Datenschutzbestimmungen, die am 25.05.2018 in Kraft treten, hat sich auch das Erscheinungsbild des Pfarrbriefes geändert. Es nicht mehr erlaubt, namentliche Messintentionen in Zeitungen (PNP, Vilstalbote) und im Internet (Internetseite der Gemeinde Dietersburg) zu veröffentlichen. Nur im „gedruckten“ Pfarrbrief, der in der Kirche zur Abholung aufliegt, ist dies noch möglich.

 

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