Pfarrbrief - Gottesdienstordnung Januar 2019

Pfarrbrieftitel 01-2019

Pfarrbrief- Gottesdienstordnung Januar 2019

Liebe Pfarrangehörige,

zurzeit wird über den Paragrafen 219a des Strafgesetzbuches diskutiert. Dieser Paragraf verbietet, kurz gesagt, dass jemand damit Werbung machen darf, Abtreibungen vorzunehmen. Bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe kann ein Gericht für solche Werbung verhängen. Geklagt haben Frauen, Organisationen, dass eine Frau, die ihr Kind abtreiben will, kaum in der Lage ist, herauszubekommen, welcher Mediziner ihr dieses Kind dann auch abtreibt. Eine Ärztin hatte auf ihrer Internetseite eine solche Information veröffentlicht und wurde deshalb verurteilt. Nun ist der Bundestag dabei, diesen Paragrafen, dieses Werbeverbot zwar im Wesentlichen beizubehalten, aber Medizinern die Möglichkeit zu geben, diese Informationen straffrei weiterzugeben.

Gegen die Beibehaltung dieses Verbots regt sich nun Protest von Frauenverbänden, von Abtreibungsbefürwortern. Und wegen dieses Protests regt sich in mir Zorn.

Papst Franziskus hat vor einigen Wochen Mediziner, welche Abtreibungen vornehmen, mit Auftragsmördern verglichen: „Ich frage Euch: ist es gerecht, jemanden umzubringen, um ein Problem zu lösen? Das kann man nicht machen, es ist nicht gerecht, einen Menschen umzubringen, auch wenn er klein ist. Es ist, wie einen Auftragsmörder zu mieten, um ein Problem zu lösen.“ (Quelle: Merkur.de)

Und ich denke, dass er damit den Nagel auf den Kopf trifft. Ein Mensch, der im Bauch einer Mutter heranwächst, ist ein Mensch. Auch, wenn es erst einmal rund vier, fünf Monate braucht, bis er auch mal einigermaßen wie ein Mensch aussieht. Auch, wenn man ihn nicht sieht - er ist ein Mensch. Noch nicht geboren. Doch seit Alters her und wohl in allen Kulturen werden ungeborene Menschen de facto mit anderen Maßstäben bewertet, als Menschen, die bereits aus dem Mutterleib herausgeschlupft sind, um es einmal sehr technisch zu formulieren.

Man spricht sehr gerne von "menschlichem Leben", das bei einem Schwangerschaftsabbruch getötet wird und betrachtet diese Formulierung bereits als Zugeständnis. Aber "menschliches Leben" ist ein abstrakter Begriff. Da geht es scheinbar nur irgendwie um Leben, um etwas Theoretisches, nicht Greifbares. Das ist wie eine Zahl in einer Tabelle. Also auch nicht wirklich. Scheinbar. Den in Wirklichkeit geht es eben doch um einen Menschen. Noch nicht geboren und in den ersten Monaten schaut er auch wirklich noch nicht mal aus, wie ein Mensch und ist natürlich im Bauch der Mutter, also nicht sichtbar. Und was man nicht sieht, das kann ja auch nicht wirklich sein, nicht wahr?

Und ja, ein Mensch, der im Bauch einer Frau heranwächst, der kann unendlich viele Probleme erzeugen. Und diese Probleme bleiben auch in unserer ach so freien und modernen Gesellschaft immer noch sehr, sehr oft fast ausschließlich bei der Mutter hängen. Die eher ungeschriebenen Maßstäbe unserer Gesellschaft sind geprägt von Begriffen wie Flexibilität, Leistungsfähigkeit, Selbstverwirklichung, Individualität, Narzissmus, Erfolgsorientierung, Wohlstand, materielle Sicherheit.

Begriffe wie Fürsorge, Solidarität, Liebe, Verantwortung, Gemeinschaft haben Platz nur in Nischen des Lebens oder in Sonntagsreden. Nach diesen Maßstäben wird eine Frau, die ein Kind in sich heranwachsen lässt sehr schnell mit einigem an Minuspunkten belastet.

Ja, ein Kind kann lästig sein. Kann Grund zu Schwierigkeiten geben, in die man sich manchmal nur als Frau, als Betroffene wirklich hineindenken kann. Schwierigkeiten, die nicht mit ein paar freundlichen Worten bereinigt werden können. Eine Schwangerschaft kann Lebensplanungen über den Haufen zu werfen, Lügengebäude zum Einsturz bringen, kann finanziell sehr deutlich spürbare Nachteile bringen.

Dass das Lebenseinkommen und damit auch die spätere Rentenhöhe von Frauen in Deutschland nach wie vor deutlich unter dem von Männern liegt, liegt zum großen Teil daran, dass eben Frauen Kinder bekommen. Und deshalb zeitenweise nicht in ihrem erlernten Beruf arbeiten können und wegen ihrer Abwesenheit Karrierenachteile haben. Nach wie vor ist die Gesellschaft (also jeder Einzelne, auch die Männer) nicht wirklich bereit, wirklich Geld auszugeben (zum Beispiel durch entsprechende Rentenbeiträge, Steuern), um diese Ungerechtigkeit auszugleichen. Allen Sonntagsreden zum Trotz.

Ein Kind im Zweifelsfall abzutreiben, also einen Menschen zu töten, ist wohl doch billiger. Zynisch, aber Realität. Doch ein ungeborenes Kind ist ja noch kein Mensch. Ist ja nur "menschliches Leben".

Die ersten drei Monate (bis zur vollendeten zwölften Woche) ist es vollkommen straffrei, einen ungeborenen Menschen durch eine Abtreibung zu töten, wenn vorher eine Beratung stattgefunden hat und ein Mediziner die Abtreibung vornimmt. Es brauchen keine besonderen Gründe dafür vorliegen. 2017 entfielen darauf 97.278 von insgesamt 101.209 Abtreibungen in Deutschland. Also rund 96 % (Quelle: Statistisches Bundesamt - www.destatis.de). Man stelle sich vor, in Deutschland würden jedes Jahr fast Hunderttausend bereits geborene Menschen von Auftragskillern umgebracht. Aber ungeborene Menschen sind ja noch keine Menschen. Da ist das dann natürlich etwas anderes.

Schon immer haben Menschen behauptet, andere Menschen - ganze Menschengruppen - seien keine richtigen Menschen (mehr), wenn sie mit ihnen Probleme hatten. Und wer/was kein richtiger Mensch (mehr) ist, kann man ja bedenkenlos töten, wenn man damit Probleme hat. So die Logik. Die sich aber kaum jemand traut, auch in Worte zu fassen, oder zuzugeben.

Fast 4.000 Kinder wurden vergangenes Jahr aus einer medizinischen Indikation heraus in Deutschland abgetrieben. Wenn Mediziner also zu der Einschätzung gelangen, dass die Schwangerschaft eine schwere Gefahr für das Leben oder die körperliche oder seelische Gesundheit der Mutter darstellt (Quelle: www.anwalt.org/abtreibung). Das wird üblicherweise festgestellt, wenn das noch nicht geborene Kind behindert ist (zum Beispiel Down Syndrom, früher "Mongolismus" genannt). Man darf wohl davon ausgehen, dass es in den allermeisten Fällen um die "Gefahr für die seelische Gesundheit der Mutter" geht.

Mal ganz abgesehen davon, dass nicht jede Diagnose auf Behinderung dann auch wirklich zutrifft - was ist das für eine christliche(?)/abendländische Gesellschaft, in der ein behinderter Mensch eine Gefahr für die seelische Gesundheit der Mutter darstellen muss? Was geschieht eigentlich, wenn ein geborener Mensch nach zwei, drei, vier Jahren durch Krankheit oder Unfall behindert wird? Ja, und wie perfekt muss ein Mensch sein, muss er funktionieren können, dass er noch nicht als "behindert" abqualifiziert wird. Wenn ich manchmal beobachte, wer alles auf einem Behindertenparkplatz sein Auto abstellt, dann muss diese Grenze schon verflixt hoch sein.

Wenn ein Kind zu früh geboren wird, dann ist die medizinische Wissenschaft mittlerweile schon ziemlich leistungsfähig. Wenn ein Kind in der 23. Schwangerschaftswoche (normal 40 Wochen) geboren wird, hat es recht gute Chancen, zu überleben und keine Behinderungen davonzutragen. In Einzelfällen haben auch schon Kinder, die in der 21. Woche geboren wurden überlebt und entwickelten sich normal.

Wenn bei einem ungeborenen Kind aber im Mutterleib eine Behinderung festgestellt wird, kann man behaupten, dass diese Behinderung eine "Gefahr für die seelische Gesundheit der Mutter" darstellt. In diesen Fällen ist es in der Regel ohne Befristung erlaubt, das vielleicht oder wahrscheinlich behinderte Kind durch eine Abtreibung zu töten. Also auch nach der 12. Woche. Mehr als einmal waren solche Abtreibungen so spät, dass das Kind im Operationssaal lebte. Was nun mit diesem nun eben doch lebendgeborenen Menschen, der angeblich immerhin so gefährlich für die Mutter ist, dass man es eigentlich töten wollte?

Die Mediziner versuchen durchaus das zu vermeiden, in dem zum Beispiel dem Kind im Mutterleib die Blutzufuhr durch die Nabelschnur unterbunden wird oder dem lebenden Kind Kaliumchlorid ins schlagende Herzchen gespritzt wird, damit es vor der Austreibung schon stirbt.

Das zeigt doch schon, wie heuchlerisch, wie verdreht es ist, wenn nur in Deutschland jedes Jahr fast Hunderttausend Menschen durch Abtreibung getötet werden.

Heuchlerisch sind allerdings auch immer wieder scheinbar aufrechte und anständige Christen, die in Sonntagsreden natürlich gegen Abtreibung sind, aber genau diese "Lösung" in Anspruch nehmen oder anbieten, oder dazu auffordern, wenn sie oder ihre Familie selber von einer ungewollten Schwangerschaft betroffen sind. Oder wenn ein nicht perfekter Mensch da heranwachsen will. Mehr als einmal habe ich dies von Leuten, von denen es kaum jemand erwarten würde, selber mitbekommen.

Zu verbieten, für Abtreibungen zu werben, finde ich sehr in Ordnung. Ich stelle mir vor, dass dieses Verbot vielleicht doch dafür sorgt, dass die eine oder andere Abtreibung verhindert wird. Doch wenn es in so vielen Fällen straffrei, ja, erlaubt ist, ungeborene Kinder durch Abtreibung zu töten, dann ist dieses Verbot auch nicht mehr, als eine weitere große Heuchelei.

Ihr Pfarrer

 

 

 

 

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